Wir befragten Susanne zu ihrer Arbeit als Pflegefachfrau in der Kinder-Rehabilitation des Kinderspitals Zürich in Affoltern a.A.

REDE MITENAND: Susanne, ich kann mir vorstellen, dass die Arbeit in der Kinder-Reha eine grosse Herausforderung ist. Was für Fälle kommen zu Euch nach Affoltern?

Susanne: Nach einem Unfall oder anderen Notfallsituationen kommen die Kinder zuerst ins Akutspital. Wenn der Heilungsprozess länger dauert oder mit einer längeren Rehabilitation verbunden ist, werden sie dann zu uns in die Reha-Klinik nach Affoltern verlegt. Wir sind schweizweit die einzige Klinik für Kinderrehabilitation. Die Kinder wohnen bei uns und besuchen, wenn möglich, auch klinikintern die Schule.

RM: Wie erlebst Du «echt sein» im Umgang mit den Kindern, den Eltern und im Team?

Wichtig ist, dass ich mich selber bin. Zwar arbeite ich als Fachperson, professionell und mit einer gewissen Routine. Trotzdem finde ich es ganz wichtig, mit dem Herz dabei zu sein, Wärme und Anteilnahme zu zeigen und auszustrahlen.
Mit den Eltern bleiben wir beim «Sie», auch wenn die Kontakte lang und intensiv sind. Oft sehe ich tief in die Familien hinein. Schon früh merkte ich, wie wichtig es für betroffene Eltern ist, dass ich selber Mami bin. Die Frage nach eigenen Kindern kommt immer wieder. Eltern fühlen sich sofort besser verstanden und können von mir Ratschläge besser annehmen.
Meine Arbeit ist intensiv, emotional und auch fachlich herausfordernd. Wenn Kinder zu uns kommen, die im gleichen Alter sind wie meine Kinder, bin ich automatisch mehr betroffen.
Ich bin sehr glücklich mit meinem Arbeitsteam. Wir sind ein altersdurchmischtes, gut eingespieltes Team. Manchmal ist es für eine Fachperson weniger gut möglich, mit einer Situation umzugehen, dann wechseln wir uns ab oder stehen uns hilfreich zur Seite. Jüngere Mitarbeitende reagieren teils etwas weniger gelassen oder es fehlt ihnen die nötige Erfahrung, wenn pädagogisches Feingefühl gefragt ist. Wir können uns jedoch gut untereinander austauschen und solche Situationen evaluieren, damit sie daraus lernen können.
Im Gegenzug profitieren wir Älteren vom neuen Fachwissen, das die Jungen mitbringen, auch von ihrem Knowhow im Umgang mit digitalen Medien. Sie arbeiten anders, denken manchmal von einer ganz anderen Perspektive her. So ist es ein Geben und Nehmen. Diese Zusammenarbeit ist sehr wertvoll und hilft, dass jeder mit seinen Stärken und Schwächen akzeptiert ist und sich selber sein darf.
Ich lernte, dass ich echt bin, wenn ich das mache, was ich gerne mache. Meine Arbeit in der Kinder-Reha gibt mir einen Ausgleich zu meiner Rolle als Mutter und Hausfrau zu Hause, damit ich mit Zufriedenheit für meine Familie da sein kann.

RM: Bekommt Deine Familie Schwieriges aus Deiner Arbeit mit?

Eigentlich eher selten. Früher musste ich zu Hause bei meinem Mann mehr abladen. Auch heute kommt es vor, dass wir einander von unserer Arbeit erzählen, denn auch er ist als Helikopterpilot bei der Polizei viel mit schwierigen Situationen und Schicksalen konfrontiert. Mit unseren Kindern bespreche ich aus Erfahrungen dann eher, wie sie sich selber schützen können, damit nichts passiert. Aber ich mache das bewusst auf positive, ermutigende Art. Ich möchte sie nicht mit diesen Geschichten belasten und doch ist mir wichtig, dass sie lernen, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund sein zu dürfen.
Mit der langjährigen Erfahrung lernte ich aber vermehrt, Emotionales weniger mit nach Hause zu nehmen.

RM: Als Mutter von zwei Kindern ist Deine Arbeit sicher nochmals spezieller. Wie gehst Du damit um, mit Blick auf all die schweren Schicksale von Kindern, keine ängstliche Mutter zu sein?

Dies ist ein immer wiederkehrendes Thema. Trotz schon vielen erlebten Schicksalsunfälle möchte ich jedoch ganz bewusst kein «Helikopter-Mami» sein. Und doch merke ich, dass gewisse Geschichten in Bezug auf meine eigenen Kinder mich prägen. So gehen mir z.B. Ertrinkungsunfälle jedes Mal sehr nahe und wo immer ich am Wasser bin, habe ich ein besonders wachsames Auge auf die Kinder. Sei dies bei uns zu Hause im Swimmingpool oder auch unterwegs an Seen oder Flüssen.
Mit dem Wissen, was Kindern alles passieren könnte, lasse ich meinen Kindern bewusst Freiraum, um auch Abenteuerliches erleben zu können. Sei dies in der Jungschar, im Wald, in den Bergen oder zu Hause beim Bauen und Werkeln mit Handwerksmaschinen. Schlussendlich darf ich sie immer auch Gott anbefehlen und ihm vertrauen, dass er über sie wacht.

RM: Herzlichen Dank, Susanne. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Freude mit den Kindern in Deiner Arbeit.


Interview: Elisabeth Gutzwiller



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