Kennengelernt haben sich Pascale und Marcel Frauchiger in der Kirche. Marcel schloss gerade die Lehre als Elektroniker ab und begann kurz vor der Heirat eine Ausbildung zum Pflegefachmann. Pascale hatte die Matura abgeschlossen und war in der Ausbildung zur Operations- und Notfallassistentin. Ich treffe die beiden in ihrem gemütlichen Zuhause in Bad Ragaz und freue mich auf ein spannendes Gespräch.

SWK: Wie habt Ihr den Start Eurer Freundschaft erlebt? 

Marcel Frauchiger (MF): «Beide nahmen wir einen Rucksack voll unverarbeiteter Lebensmuster mit in unsere Beziehung, etwas blauäugig und mit unausgereiften Persönlichkeiten. Ich erlebte in meiner Herkunftsfamilie ein starkes Harmoniebedürfnis und war unfähig, Konflikte auszutragen, geschweige denn, die eigene Position anzumelden. Ich versuchte, Pascale alles recht zu machen, ohne meine eigenen Bedürfnisse in Worte zu fassen. Das funktionierte bis vier Wochen vor der Hochzeit. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich gar nicht mehr ich selbst war und uns beiden etwas vormachte.» 

Diese Erkenntnis gab Marcel ziemlich undiplomatisch an Pascale weiter. Dies löste bei ihr riesige Ängste und Verwirrung aus. Die Hochzeit wollten und konnten sie so kurzfristig nicht mehr stoppen. Und so folgte ein Fest, von dem heute beide sagen: «Es war schrecklich.» Pascale steckte bereits in einer Depression, der sie dann drei Monate nach der Hochzeit ehrlich ins Auge blickte, daheim auszog und in einer Klinik Hilfe suchte.

Pascale Frauchiger (PF): «In meiner Familie lebten wir auch nicht unbedingt eine gute Konfliktkultur, aber wir diskutierten sehr direkt und klar. Ich war auch vom Typ her schneller im Reden und Entscheiden als Marcel und wusste immer, was ich wollte. Einerseits versuchte ich Marcel so zu verändern, wie ich ihn gerne gehabt hätte, andererseits hatte ich selbst mit vielen eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen.» 

MF: «Wir erlebten in unserer Freundschaft auch keine Begleitung durch ein Ehepaar. So wurden wichtige Faktoren für eine Beziehung gar nicht angesprochen und somit auch kein gemeinsamer Weg dafür gesucht. Das Pfarrehepaar, welches uns eine Ehevorbereitung anbot, ging aus unserer heutigen Sicht zu wenig tief in die Details.» 

PF: «Nach unserer Trennung und Scheidung hatte ich mehrere psychiatrische Klinikaufenthalte, Therapien und Seelsorge. Zuerst dachte ich noch, dass nur unsere Beziehungsgeschichte aufgearbeitet werden müsste, aber das war überhaupt nicht so. Es ging vor allem um meine eigene Kindheitsgeschichte, die Aufarbeitung und Heilung brauchte.» 

MF: «Zwei Wochen vor unserer ersten Hochzeit startete ich meine Ausbildung als Pflegefachmann im Limmattalspital in Schlieren. In der Klosterschule dort legten sie grosses Gewicht auf die psychologischen Fächer. Wir wurden herausgefordert, uns mit unserer eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Unter den Lernenden wurden Feedbacks offen und direkt kommuniziert, dabei musste ich einige Dinge über mich hören, die mir ganz und gar nicht gefielen. Ich erlebte aber das erste Mal, was es heisst, in einer Gruppe angenommen zu sein und Teil einer Gruppe zu bleiben. Ich lernte viel über mich und erkannte mit grossem Schrecken, wie falsch ich damals auf Pascale reagiert hatte und nicht wahrgenommen hatte, wie ernst ihre Situation während ihrer Depression war.»

Zu viele Verletzungen waren entstanden und wir hatten keinen Gedanken daran, dass es je wieder eine Beziehung geben könnte zwischen uns.

SWK: Habt Ihr je daran gedacht, Euch wieder zu versöhnen?

PF: «Das ist so der Grundtenor unter Christen, dass dies ja voll erstrebenswert wäre. Bei uns beiden war Versöhnung in keinem Moment eine Option. Zu viele Verletzungen waren entstanden und wir hatten keinen Gedanken daran, dass es je wieder eine Beziehung geben könnte zwischen uns. Nach drei Jahren, in denen ich viel aufgearbeitet und auch Heilung erfahren hatte und erkannte, dass ich ja ebenso ein Teil des Scheiterns war, wollte ich Marcel einen Brief schreiben, ihm das sagen und ihn um Vergebung bitten. Eine gute Freundin, die mich über all die Jahre begleitete, schlug mir vor, zuerst mit mir gemeinsam zu fasten und zu beten, so dass der Brief bei Marcel seine richtige Wirkung haben könne.» 

Marcel selber hatte inzwischen eine Freundschaft, löste diese aber wieder auf. Danach schrieb er zwei A4-Seiten voll mit seinen Vorstellungen und Wünschen, wie seine zukünftige Partnerin sein sollte. Mit diesem Wissen öffnete er sich wieder für eine neue mögliche Beziehung. 

Beim Lesen seiner Tagebücher stellte Marcel fest, dass er dank Pascale sehr wichtige und gute Entscheidungen in seinem Leben getroffen hatte. Er nahm sich vor, ihr dies zu schreiben, schob dieses Vorhaben aber Monate lang vor sich her. Doch eines Morgens erklärte er seinem WG-Kollegen, dass er heute Pascale schreiben wolle, um ihr zu danken. Genau an diesem Morgen fand er im Briefkasten ihren Brief. Ihre Worte liessen ihn aufhorchen. Er schrieb zurück, und nach einem Konzert, wo er sang und sie als Zuhörerin dabei war, machten sie einen Termin ab, um gemeinsam das Kriegsbeil zu begraben. 

MF: «Wir trafen uns ohne den Gedanken, dass wir wieder zusammenkommen könnten. Pascale hatte mich am Konzert nicht positiv erlebt und ich wusste: Mit dieser Frau kann man nicht reden. Aber in diesen vier Stunden erlebten wir eine Offenheit und Freiheit, uns über die intimsten Dinge auszutauschen, wie wir es mit anderen Freunden nie erlebt hatten. Das Stigma, so jung geschieden zu sein, hatte hier keinen Einfluss, weil wir ja beide in der gleichen Situation waren. Das Verrückteste war, dass ich erkannte, wie die Liste mit meinen Wünschen für eine Partnerin hundert Prozent auf Pascale zutraf! Beim zweiten Treffen einen Monat später ging das Gespräch ebenso intensiv weiter. Da wussten wir: Wir wollen unsere Lebensgeschichte wieder gemeinsam weiterschreiben und dort anknüpfen, wo wir vor drei Jahren aufgehört hatten.» 

PF: «Anknüpfen hiess auch: Das Loch von drei Jahren musste gefüllt werden. So lasen wir uns bei unseren nächsten Treffen gegenseitig unsere Tagebücher vor. Dies war oft fast nicht auszuhalten und sehr happig. Und immer wieder kamen Fragen auf: Und jetzt, wie siehst du das heute?» 

MF: «Wir legten unsere Seelen offen voreinander aus, mehr geht nicht. Es sind auch viele Tränen geflossen und wir waren schockiert, wie viele Verletzungen wir uns während der Scheidungszeit zugefügt hatten. Nun konnten wir einander Vergebung zusprechen. Unsere erste Umarmung war für uns so etwas Vertrautes, wie ein Heimkommen und wunderschön.»

Unser Wieder-Zusammen-Kommen war für unsere Umgebung nicht nur einfach.

PF: «Unser Wieder-Zusammen-Kommen war für unsere Umgebung nicht nur einfach. Die einen freuten sich riesig darüber. Andere, welche die Scheidung hautnah miterlebt hatten, reagierten zum Teil sehr ungehalten und fragten offen, was das jetzt solle. Wir mussten dies einfach aushalten. Aber ich hatte absolut keine Angst, dass es nicht klappen würde. In mir drin war einfach nur Friede.»

MF: «Für uns selbst ist es einfach nur ein Geschenk von Gott. Er hatte buchstäblich alle Hände voll zu tun mit uns. Wir hätten das nicht selber zustande gebracht.» 

Pascale und Marcel Frauchiger sind heute Eltern von vier, teilweise bereits erwachsenen Kindern. Ihre Erfahrungen geben sie an andere Paare weiter. Sie begleiten Paare als «twogether»-Mentoren bei der Ehevorbereitung oder beim Thema Wiederverheiratung.

SWK: Ganz herzlichen Dank, Pascale und Marcel, für Eure Offenheit und Euer Erzählen.


Das Interview führte unsere freiwillige Mitarbeiterin Elisabeth Gutzwiller.


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