Seit letzten Oktober sind Andrea und Toby zusammen unterwegs – unterwegs auf einer Reise rund um die Welt. Grenzen überschreiten, andere Kulturen entdecken und dabei an die eigenen Grenzen der ständigen Zweisamkeit kommen, davon erzählen die beiden im folgenden Bericht.

Grenzen

 

Wir begegnen ihnen jeden Tag. Sie tauchen in unglaublich vielen Situationen und Ereignissen auf. So wie jetzt gerade: Mitten in der Nacht stehen wir irgendwo in der Stadt an einer Barriere des burmesischen Militärs und haben keine Ahnung, wie wir zu unserem Hotel gelangen können, welches sich gemäss unserem Navi hinter dem militärischen Sperrgebiet befindet. Der Soldat am Schlagbaum kennt nur ein einziges englisches Wort: No! Nach vielen Verhandlungen mit Händen, Füssen und einem nächtlichen Telefonat werden wir schlussendlich von einem Moped-Taxi unseres neuen Gastgebers abgeholt und an unseren tatsächlichen Zielort gefahren.

Ein Mann hinter einem Panzerglas entscheidet darüber, ob wir das Recht haben, sein Land zu betreten.

Auf unserer Weltreise quer durch Asien, Ozeanien, Australien und Südamerika gehören solche Situationen zu unserem Alltag. Wenn wir das Wort «Grenze» hören, sind unsere ersten Gedanken meistens bei den Landesgrenzen, die wir im Moment überqueren. Diese Orte haben für uns immer etwas Beunruhigendes an sich. Es herrscht Chaos, es ist vielmals schmutzig, der Geruch von Kriminalität liegt in der Luft und wir werden auf Schritt und Tritt beobachtet. Ein Mann hinter einem Panzerglas entscheidet darüber, ob wir das Recht haben, sein Land zu betreten. Es ist einer der wenigen Orte, an denen wir unsere Pässe jemandem Fremden aushändigen müssen. Das entwickelt mulmige Gefühle in uns, ist doch ein Pass ein beliebtes Diebesgut.

Enge in der Freiheit

Einige Fragen und einen Stempel später befinden wir uns wieder in einem anderen Land. Hier warten bereits neue Grenzen auf uns. Das beginnt bei der Sprache und endet bei Kultur und Religion. Neues Land, neue Herausforderung. Wer denkt, auf einer Weltreise die uneingeschränkte Freiheit zu finden, irrt gewaltig. Die Gesetze, Religion und Moral eines Volkes haben auf uns und unser Handeln einen riesigen Einfluss. Als Reisende wollen wir respektvoll mit dieser Andersartigkeit umgehen, darum lassen wir uns automatisch immer wieder von ihnen begrenzen, auch wenn wir persönlich die Grenze an einem anderen Ort ziehen würden.

Doch Grenzen sind nicht immer so negativ behaftet. In vielerlei Hinsicht bieten sie auch die Möglichkeit, um zu wachsen. Wir verlassen oft unsere Komfortzonen oder tun Dinge, die wir noch nie vorher getan haben. Sei dies bei einem Gespräch mit einem Künstler, der uns begeistert einen Crashkurs in Batikmalerei gibt. Oder wenn eine spontane Einladung zu einem Drink mit einem anderen Reisenden zu einem tiefgründigen Gespräch wird, weil wir den Smalltalk nach 5 Minuten sein lassen. Es ist aber auch die Überwindung, um vier Uhr morgens aufzustehen, um den Sonnenaufgang zu sehen und am nächsten Tag die Motivation zu haben, die Wanderung nach dem ersten wetterbedingt abgebrochenen Versuch ein zweites Mal in Angriff zu nehmen. Wir sind dankbar, unseren inneren Schweinehund überwunden zu haben, als wir erschöpft aber glücklich auf dem Gipfel stehen und das Naturschauspiel richtig geniessen können. Beim Besuch des Gottesdienstes in einer Kirche kehren wir beinahe wieder um, weil wir 20 Minuten zu spät ankommen. Vor dem Gebäude werden wir aber von einem anderen Paar abgefangen, welches ebenfalls zu spät ist. Sie nehmen uns unter ihre Fittiche, als wären wir schon seit zehn Jahren befreundet. Wir verbringen mit ihnen den ganzen Tag, der für uns zu einem ganz speziellen Erlebnis wird.

Zweisamkeit

Mit der Entscheidung, ein Jahr auf Reisen zu gehen und unser gewohntes Umfeld zu verlassen, brechen wir jeden Tag aus dem sicheren Rahmen unserer Gewohnheiten aus und erleben dabei die verrücktesten Dinge. Das betrifft auch unser Zusammenleben und unsere Ehe. Wenn du an sieben Tagen während vierundzwanzig Stunden nur mit deinem Partner zusammen bist, dann bist du auf sehr gutes Teamwork angewiesen. Sehr, sehr, sehr gutes Teamwork!

Wir verlassen oft unsere Komfortzonen oder tun Dinge, die wir noch nie vorher getan haben.

Kompromisse einzugehen ist an der Tagesordnung. Die Bedürfnisse des Anderen zu sehen und darauf zu reagieren ist essenziell. Ausflüge werden zu Katastrophen, wenn sich jeder nur um sich selbst sorgt. So lernen wir, unseren Blickwinkel immer wieder neu auf unser Gegenüber zu richten.

Wir stossen an Grenzen, die wir zu Hause nicht hatten. Es ist unmöglich, einem Konflikt oder einer Meinungsverschiedenheit aus dem Weg zu gehen. Denn wohin willst du dich verkriechen? Das Gegenüber ist ja immer dabei. Und es gibt viele Orte in Teilen der Welt, in welchen du nicht einfach mitten in der Nacht rausgehen kannst, um allein zu sein. Da stellt sich unsere Vernunft automatisch über unsere Sturheit. In den Monaten, in denen wir nun schon unterwegs sind, haben wir einiges an Kommunikation und Konfliktbewältigung gelernt. Gezwungenermassen, könnte man sagen. Den Anspruch, immer Recht haben zu müssen, legt man dem Frieden zuliebe weg. Dabei erleben wir, dass das Nachgeben und wiederholt «Sorry, kannst du mir vergeben?» sagen, uns eindeutig nicht schadet. Viele unserer Freunde fragen uns, wie wir das aushalten, dauernd zusammen unterwegs zu sein. Ja, sie kennen uns gut. . . Und wir können ihnen ehrlich antworten, dass es zwar nicht immer einfach ist, wir dieses Abenteuer aber gut meistern. Auch wenn dies bedeutet, immer wieder bereit zu sein, unsere Ansichten in Frage stellen zu lassen und uns in eine neue Richtung zu bewegen.

Begrenzungen lassen Wachstum zu

Wir können wirklich bestätigen, dass man lernen kann, mit Grenzen umzugehen. Im Unterschied zu unserem ersten Grenzübergang, vor dem wir absolut Respekt hatten, können wir heute entspannt auf die Grenzwächter zugehen. Eine Verhandlung auf dem Markt mit einem Drittel des geforderten Preises zu beginnen, kostet uns bereits weniger Überwindungskraft. Je näher wir an den Rand unserer Grenzen kommen, desto mehr gewöhnen wir uns daran und desto einfacher wird es beim nächsten Mal. Wenn wir uns unseren persönlichen Grenzen stellen, lernen wir mit ihnen umzugehen und an ihnen zu wachsen.


Dieser Artikel erschien in unserem Magazin REDE MITENAND 3/19.

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