Tiny House auf Rädern – Wir sind mit Gottvertrauen unterwegs!

Marta und Stephan Gieselbrecht beschreiben sich selbst als eher planend und verkopft. Doch ihre unmittelbaren Zukunftspläne sind geprägt von Entdeckergeist, Mut und Abenteuerlust. Wie sich herausstellt, passt beides gut zusammen und führt zu einer «verrückten Idee, abseits von gesellschaftlichen Normen»:

Ulrike Weininger (UW): Ihr hattet ein Haus auf dem Land, habt alles verkauft und in einen umgebauten Truck als neues Zuhause zu investiert. Erzählt!

Stephan (SG): Wir haben erst in Winterthur in einer Wohnung gewohnt. Ich hatte das Gefühl, ich muss den Schweizer Traum vom eigenen Haus umsetzen. Wir hatten alles megaschön umgebaut und als es fertig war, war die Frage: und jetzt? Das Häusleinleben konnte ich mir nicht für die nächsten 30 Jahre vorstellen. Wir haben keine Kinder (nur zwei Katzen). So war das Haus sehr gross.

Marta (MG): Hätten wir es nicht probiert, wäre die Idee immer im Hinterkopf gewesen. Aber so haben wir es ausprobiert und gemerkt, dass es nicht das Richtige für uns ist.

UW: Wie sehen nun eure Pläne aus, im Truck die Welt zu bereisen?

SG: Wir starten am 18. Dezember in diesem Jahr und treffen gute Freunde aus England an Weihnachten in Portugal. Wir nehmen das als Startschuss für unsere Reise.

MG: Wir wollen dann an der Küste entlang in die Türkei. Es ist ein enger Zeitplan, weil wir im Mai vielleicht schon wieder in der Schweiz sein müssen.

SG: Im zweiten Teil des Jahres gehen wir Richtung Norwegen, Finnland, Schweden. Ich werde im ersten Jahr noch 80 Prozent von zu Hause aus arbeiten und meine Masterarbeit schreiben. Wir würden gerne im Norden bleiben bis zu den Nordlichtern im November. Wenn es klappt, zum Nordkap bis Dezember. Aber da muss man auf einen Konvoi warten und sich diesem anschliessen. Dann geht ein Schneepflug voraus und man muss mit dem Konvoi auch wieder zurück. 2028 würden wir dann im Februar unseren Truck verschiffen und auf Weltreise gehen: entweder zuerst nach Argentinien oder nach Kanada von Süd- nach Nordamerika oder umgekehrt [Sie zeigen auf einer grossen Weltkarte an der Wand ihrer Wohnung ihre Reiseroute].

UW: Wie geht ihr euer Ziel an zwischen Abenteuerlust und Planungssicherheit?

MG: Wir sind beide eher verkopfte Menschen, wir planen und gehen auf Sicherheit.

SG: Man muss gleichzeitig alles loslassen und okay damit sein, wenn Pläne über den Haufen geworfen werden. Unser Fahrzeug wurde vor eineinviertel Jahren bestellt. Die Planung davor war aber viel länger, sie begann fast zwei Jahre vorher. Davor haben wir immer Ferien mit dem Auto, Camper, VW-Bus oder einem gemieteten Wohnmobil gemacht. Also wussten wir schon, dass uns das liegt. Ganz die Zivilisation loslassen, brauchte aber schon noch etwas.

MG: Dann war klar: Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen.

SG: Wir hatten eine Rundreise durch Europa gemacht und den Hersteller getroffen. Und danach war klar: ganz oder gar nicht.

MG: Ich wollte schon länger Van-Life machen, aber wegen der Katzen kam das bisher nicht infrage. Jetzt nehmen wir die Katzen mit. Wir probieren das in zwei Wochen Ferien aus. Es sind Hauskatzen und sie gehen nicht so gerne raus.

SG: Unsere Katzen sind sehr auf uns bezogen. Egal wo wir sind, werden sie sich wohlfühlen. Hätten wir die Katzen nicht, wären wir längst unterwegs. Jetzt sind sie schon älter.

UW: Ist es wagemutig, mit dem eigenen Haus herumzufahren?

SG: Wir haben beide die Fahrprüfung für den Truck. Aus Sicherheitsgründen war uns das wichtig.

MG: Wir wollen abwechselnd fahren. Aber der erste Kratzer wird schwierig sein.

UW: Wie kann man sich euer Truckleben vorstellen?

SG: Wir möchten autark unterwegs sein und nicht auf dem Camping. Das ist nicht so unseres. Wir werden eher abseits der Wege sein.

MG: Unser Truck ist jetzt 2.55 Meter breit, 3.85 hoch und ca. 9.75 zzgl. 1 Meter Träger lang.

SG: Wir hätten ein kleineres Fahrzeug nehmen können und wir waren lange in der Planung. Wir dachten uns zwischenzeitlich schon, was machen wir da? Aber es musste wohl so sein, damit es passt. Wir wollten nicht zu viele Abstriche machen.

MG: Mir war ein komfortables Bett sehr wichtig. Wir haben eine Küche mit Backofen, aber keine Abwaschmaschine, allerdings einen grossen Wasch-Trockner. Dann gibt es genug Sitzplatz und Badezimmer mit Dusche und WC, eine kompostierbare Lösung.

SG: Eine lange Diskussion war bzgl. einem Meter kürzer oder länger. Jetzt haben wir die längere Variante und einen Extraraum für mich als Arbeitszimmer. Es ist auch ein Rückzugsraum, ein Ausweichort. Wir haben zudem eine Aussenküche für draussen fürs Grillieren. Ein echtes Tiny House auf Rädern.

UW: Wie geht es dann weiter nach eurer Europa- und Amerikareise?

MG: Nach der Panamerikaroute in zweieinhalb Jahren geht es vielleicht weiter über Australien und über Asien, Malaysia, Singapur und zurück in die Schweiz.

SG: Die Einreise in Australien mit dem Truck ist schwierig, weil er umfangreich gereinigt werden muss, aber es ist nicht unmöglich. Möglich wäre auch, am Ende nach Schottland zu gehen und dann dortzubleiben. Es wird sich zeigen, wie lange das Geld reicht. Die Unterwegskosten sind im Moment noch schlecht abzuschätzen. Von unterwegs weiterzuarbeiten ist ebenfalls eine Option. Eigentlich war mal der Plan, dass wir, wenn ich 40 bin, ein Objekt in Schottland kaufen und «Bed and Breakfast» machen. Aber das ist nun nach hinten geschoben und geht später immer noch. Pläne sind dazu da, um geändert zu werden.

UW: Beruflich habt ihr eure Pläne auch immer wieder angepasst?

SG: Ich hatte Literaturwissenschaft studiert und dann in der Finanzbranche gearbeitet. Jetzt studiere ich Theologie. Pfarrperson ist eine Möglichkeit, aber kein Muss. Es ist eine Sicherheitsperspektive und ich möchte die Möglichkeit haben, zu so etwas zurückzukommen und nicht im Finanzbereich zu bleiben. Von der Finanzbranche war ich etwas müde. Aber es wird sich zeigen.

MG: Ich war bildende Künstlerin im Mixed Media Stil. Ausserdem habe ich angefangen, Bücher für junge Erwachsene zu schreiben, aber da pausiere ich im Moment. Weltreise planen ist spannender.

UW: Wer von euch ist abenteuerlustiger und draufgängerischer?

MG: Ich bin abenteuerlustiger. Ich habe viele Ideen, aber es ist vielleicht manchmal auch naiv. Ich stelle mir etwas vor, ohne zu fest geplant zu haben.

SG: Man muss unterscheiden zwischen Planen und Abenteuerlust. Ich plane alles und vieles. Ich bin Projektleiter und da lernt man, dass ein Plan nie aufgeht und man wieder neu planen muss. Abenteuerlust, ins Unbekannte hinausgehen, ist eine andere Art von Planlosigkeit. Wenn wir wandern gehen, plane ich, und wenn wir uns nicht an den Plan halten, wird es immer abenteuerlustig. Dann stehen wir plötzlich vor einer Felswand. Da bin ich abenteuerlustiger. Aber wenn wir dann da stehen und mir Zweifel kommen, ist Marta diejenige, die dann sagt: «Komm, da gehen wir jetzt hinauf». Wenn wir angekommen sind, plane ich wieder.

MG: Wir ergänzen uns und sind wechselweise abenteuerlustig.

UW: Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

SG: Ich hoffe, wir sind noch unterwegs und kein Ende vom Unterwegssein ist in Sicht.

MG: Vielleicht haben wir etwas gefunden, wovon wir leben können und was wir auf der Reise machen können.

SG: Vielleicht können wir unterwegs auch Projekte unterstützen und etwas ganz anderes machen. Ich würde gerne verbinden, was uns ausmacht, mit etwas, womit wir den Lebensstil so weiterleben können.

UW: Ein «Draufgänger» wird beschrieben als: «risikobereit, tatkräftig handelnd, wagemutig, entschlossen, furchtlos, beherzt, nicht zögerlich und abenteuerlustig». Was trifft auf euch zu?

MG: Nicht zögernd stimmt nicht. Wir haben immer wieder gezögert und haben dann gefunden: Wir machen es trotzdem. Furchtlos stimmt auch nicht. Mut heisst, man macht es trotzdem, obwohl man Furcht empfindet. Wir sind mit Gottvertrauen unterwegs!

SG: Wenn ich etwas mache, dann mache ich das. Wenn, dann mache ich es ganz und ziehe es durch bis zum Ende und schaue nicht mehr zurück, bis das nächste Abenteuer kommt. Das hat bis jetzt gut funktioniert.

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