Hebamme ist meine Berufung
Margret Grässlin erzählt aus 50 Jahren Berufserfahrung
In der Ausgabe des SWK-Magazins «Rede Mitenand» 1/2026 ging es um das Thema «GeburtsHelfer». Wir hatten die grosse Freude, mit der Hebamme Margret Grässlin über ihre längjährigen Erfahrungen als Hebamme zu sprechen. Lesen Sie hier das vollständige Interview.
Margret Grässlin (68), Christin, Ehemann Reinhold, seit 46 Jahren glücklich verheiratet, Mutter von fünf Kindern, Grossmutter von fast zehn Enkeln, Hebamme seit 50 Jahren und freiberuflich tätig, «GeburtsBetreuung» von ca. 100 Kindern im Jahr, Hobbys: Stricken, lesen, kochen, Mitarbeit in der AB Gemeinde Steinen und noch so vieles mehr…
Die kürzlich erhobene Hebammen-Studie 2025 der opta data Zukunfts-Stiftung zeigt, dass fast die Hälfte der Hebammen (ca. 44 %) über einen Berufswechsel nachdenkt, da sie unter schlechter Vergütung (68 %), hoher Bürokratie (51 %) und mangelnder Wertschätzung leiden. Obwohl 83 % der Befragten ihren Beruf grundsätzlich gerne ausüben, sehen nur 30 % eine positive berufliche Zukunft. Die Studie hebt zudem den Wunsch nach mehr Kompetenzen, besserer Zusammenarbeit und digitaler Unterstützung hervor.
Eberhard Johannes Koll (EK): Margret, erlebst du die oben in der Studie aufgezeigte Situation so in deinem Beruf(salltag)?
Margret Grässlin (MG): Der seit dem 1.11.2025 gültige Hebammenhilfevertrag (Vergütung, Kompetenz) ist für viele meiner Kolleginnen im Bereich der Beleghebammen ein finanzieller Eklat. Hier gibt es jetzt Zeitvorgaben, die zu gekürzten Vergütungen führen. Dies betrifft mich persönlich nur teilweise. Aber die Bürokratie frisst immer mehr Zeit. Jeder Besuch/telefonische Beratung muss im fünf Minuten Schritten dokumentiert werden. Diesen Zeitangaben liegt die Vergütung zugrunde und hat zur Folge, dass nach 35 Minuten die Höhe der alten Vergütung erreicht wird und somit bei kürzerer Betreuung Einschnitte in der Vergütung entstehen. Selbst verschuldete Ausfallzeiten der Frauen bei Kursen dürfen nicht mehr privat berechnet werden. Der Bürokratieaufwand sowie die aufwendigen Dokumentationen auch in QM sind Zeitfresser, die Auswirkungen auf die Betreuung vor Ort mit sich bringen. Genug der Klage! Die Wertschätzung seitens der Wöchnerinnen und deren Partner entschädigt und ermutigt.
EK: Was waren deine Beweggründe, dich bei der Berufswahl für den der «Hebamme» zu entscheiden?
MG: Schon als heranwachsende junge Frau schlug mein Herz für Kinder. Ich erkundigte mich in einer Klinik für den Ausbildungsberuf der Kinderkrankenschwester. Leider waren die Stellen durch eine Vielzahl der Bewerbungen begrenzt. Am Mittagstisch, im Kreis meiner Familie sagte mein Vater: Lerne doch Hebamme, wie deine Uroma! Daraufhin setzte ich mich – auch im Gebet – mit dem Beruf Hebamme auseinander. Ich erlebte eine innere Freude und die Gewissheit: Hebamme ist meine Berufung. In der Zeit meiner Ausbildung in Karlsruhe wurde dies immer wieder bestätigt.
EK: Und, haben sich deine Erwartungen an diesen Beruf erfüllt und würdest du ihn heute erneut wählen?
MG: Mütter und Väter vor und nach der Geburt zu begleiten, sie auf die Geburt, das Kind, das Stillen und so vieles andere mehr vorzubereiten sowie die Betreuung von Mutter und Kind mit allen Handgriffen und Fragen zur Seite zu stehen und, und, und … Dies hat sich alles bestätigt und erfüllt. Natürlich würde ich diesen herrlichen, aber oft auch herausfordernden Beruf erneut wählen.
EK: Lass uns ein wenig teilhaben an deiner «Welt» und schildere uns freundlicherweise ein Erlebnis, das du niemals vergessen wirst?
MG: In meiner Ausbildungszeit (1976–1978) gab es noch kein Rooming In. Alle Babys lagen im Kinderzimmer in einer Reihe in ihren Bettchen. An diesen war die Zimmernummer mit dem Namen angebracht. Die Stationsleitung und ich wickelten jeweils ein Baby. Als ich das Baby ins Bettchen zurücklegte, um es seiner Mutter zu bringen, war die Stationsschwester bereits mit ihrem Baby und Bettchen entschwunden. Im Zimmer angekommen hob ich das Baby aus dem Bettchen und legte es der Mutter in ihre Arme. Diese hielt einen Augenblick inne, dann rief sie entsetzt: «Das ist nicht mein Kind!» Was für ein Malheur! Wie gut, dass das Namensbändchen am Handgelenk des Babys den Irrtum aufklärte.
EK: Warst du in all den Jahren auch einmal in einer Situation, in der du bei der Geburt nicht helfen konntest? Und was machte das mit dir?
MG: Ja, das kam schon vor. Nach stundenlanger Betreuung im Kreisssaal, die Geburt verläuft normal, plötzlich kommt es zu einem Stillstand. Entscheidende Augenblicke. Den diensthabenden Arzt anfordern. Kaiserschnitt, heute Bauchgeburt genannt.
Natürlich treten Fragen auf. Wieso passiert das und warum dieser plötzliche Stillstand? Bei der ärztlichen Nachbesprechung wurde die Notwendigkeit für den Eingriff bestätigt. Diese Aussage war für mich immer sehr wichtig.
EK: Du handelst in deinen Berufsalltag nicht mit Autos, stellst keine Strafmandate aus und arbeitest in keiner Bank. Wie gehst du mit der grossen Verantwortung als «GeburtsHelferin» um?
MG: Als Hebamme hat man Verantwortung für zwei Menschen. Mutter und Kind. Eine Aussage meiner Urgrossmutter, sie war Dorfhebamme in einem kleinen Ort, bewegt mich sehr: Mit einem Bein stehst du als Hebamme immer im Grab. Darüber nachzudenken und dies zu wissen, bewahrt vor Überheblichkeit, Selbstsicherheit und Routine. Jede Geburt ist ein Wunder und ein Geschenk Gottes.
EK: Du bist selbst mehrfache Mutter. Wie hat sich deine Hebamme damals geschlagen und schaut man dann noch einmal anders hin?
MG: In meiner Zeit als Klinikhebamme kam unsere Tochter zur Welt. Es war für mich entspannend und wohltuend, eine Klinikkollegin an meiner Seite zu wissen. Sie hatte viele Jahre schon als Hebamme gearbeitet und ihre ruhige, souveräne und einfühlsame Arbeitsweise gab mir Sicherheit. Nach der Geburt und dem zehntägigen Klinikaufenthalt war man auf sich alleine gestellt, denn es gab noch keine Nachsorgehebammen.
EK: Aus der Bibel erfahren wir, dass die Geburtsschmerzen eine Auswirkung des Sündenfalls sind. Was denkst du als überzeugte Christin darüber?
MG: Gottes Anweisung an Eva: Mit Schmerzen sollst Du Kinder gebären, ist eine unumstössliche Tatsache. Jeder Geburtsschmerz birgt etwas Positives. Er ist eine natürliche und vor allem produktive Reaktion des Körpers der werdenden Mutter.
Neues Leben ist geboren.
EK: Inwiefern beeinflusst dein Glaube deine Arbeit als Hebamme?
MG: Mein Glaube beflügelt mich, den Dienst an den Frauen mit Liebe und Hingabe auszuführen. Dies führt oft dazu, dass ich angesprochen werde. Ob ich mit dem Glauben was zu tun habe. Es entstehen gute Gespräche über den Glauben und auch schon die Frage: Würdest du für mich beten?
EK: Die Geburt ist eine Sache, das danach eine andere. Was sind die grössten Herausforderungen für Eltern in den ersten Wochen?
MG: Das Kind steht plötzlich im Mittelpunkt. Können sie die Bedürfnisse ihres Babys erkennen und den Anforderungen gerecht werden? Schlafen, Schreien, Stillen, Nähe, Bindung. Plötzlich als Eltern die volle Verantwortung für das Kind zu tragen. Das Spagat zwischen Eltern sein und Paar bleiben zu leben.
EK: Es gibt die Hausgeburt, Geburt im Spital oder in speziellen Geburtshäusern und recht neu, Frau allein in der Natur. Was würdest du deiner Tochter empfehlen und warum?
MG: Ich habe meiner Tochter bei ihrer zweiten Schwangerschaft das Geburtshaus empfohlen. Der Verlauf der Geburt erfolgt einfach natürlich, ohne PDA und ohne Eingreifen in das Geburtsgeschehen. Die anwesende Hebamme ist die Geburtshelferin – ohne Arzt. Dieser wird nur bei unvorhersehbaren Komplikationen hinzugezogen.
EK: Immer mehr Frauen wollen den Geburtszeitpunkt planen und entscheiden sich für einen Kaiserschnitt. Das spontan Natürliche fällt somit weg. Inwiefern beeinflusst das deine Arbeit und geht dir das zu weit?
MG: Im Gespräch mit Schwangeren plädiere ich für eine spontane natürliche Geburt. Frauen, die sich mit dem geplanten Kaiserschnitt (Bauchgeburt) auseinandersetzen, respektiere ich.
Im weitesten Sinn beeinflusst es aber meine Arbeit nicht. Selbstverständlich gibt Situationen, wo eine Bauchgeburt unumgänglich ist.
EK: Liebe Margret, vielen Dank, dass du uns ein bisschen teilhaben lassen an deinen Beruf. Zuletzt noch einmal zurück zur Bibel: Was sagt dir als «Komplizin Gottes» der Psalm 139 ganz persönlich?
MG: Für mich persönlich ist es wunderbar zu wissen, dass Jesus mich vom Tag meiner Zeugung kennt. Er hat mich wunderbar gemacht und im Schoss (Mutterleib) getragen. Er kennt mich, meine Gedanken und weiss um alle meine Wege. Auch Wege, die ich nicht begreifen kann und mit denen ich hadere. Aber ich darf Jesus in meinem Leben als Christin vertrauen und den Blick auf IHN richten. ER sieht mich und dafür bin ich IHM sehr dankbar.
«Meine Wege sind nicht eure Wege und meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.»
Dies ist mein Leitvers der mich bis heute trägt.
Das Interview führte:

Leiter Marketing und Kommunikation
«Die Werte, Anliegen und Aktivitäten des SWK zeitgemäss zu transformieren und kreativ zu kommunizieren zum Wohle Aller,
das ist meine Leidenschaft.»




