Wo Hoffnung eine Hand bekommt

Seit fast 40 Jahren engagiert sich Jutta Sieper bei der Gefährdetenhilfe Scheideweg e. V. für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

In der Ausgabe des SWK-Magazins «Rede Mitenand» 4/2026 ging es um das Thema «HandReicher». Wir hatten die grosse Freude, mit der Sozialpädagogin Jutta Sieper über ihre längjährige und wertvolle Arbeit bei der Gefährdetenhilfe Scheideweg e. V. zu sprechen. Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Im Interview berichtet die Sozialpädagogin, wie ehemals Straffällige durch Begleitung, Gemeinschaft, Arbeit und gelebte Nächstenliebe neue Chancen erhalten und Schritt für Schritt zurück ins Leben finden. Jutta Sieper (63) ist verheiratet, hat einen Sohn, beide sind coole Typen. Ihre Hobbys sind Lesen von Krimis – gern historische und aus verschiedenen Regionen und Ländern.

Eberhard Johannes Koll (EK): Frau Sieper, herzlichen Dank für dieses Interview und das Sie uns sich selbst, die Arbeit und Ziele der «Gefährdetenhilfe Scheideweg» (GSch) etwas näher vorstellen. Was ist Ihre Funktion bei der GSch und was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?

Jutta Sieper (JS): Zurzeit arbeite ich in der Verwaltung der Gefährdetenhilfe und im pädagogischen Team der 2025 begonnenen Wohngemeinschaft für Frauen. In der Vergangenheit habe ich verschiedene Justizvollzugsanstalten regelmässig besucht: Jugendarrest, Jugendstrafanstalt, Erwachsenenvollzug (Männer und Frauen). Über zehn Jahre haben Frauen nach der Haft, Drogenabhängigkeit oder Prostitution in unserer Familie ein «Zuhause auf Zeit» gefunden.

EK: Wie kann man die Arbeit der GSch in wenigen Sätzen zusammengefasst beschreiben?

JS: Die Gefährdetenhilfe Scheideweg e. V. engagiert sich seit 1972 mit einem ganzheitlichen Konzept für ehemals straffällig gewordene Menschen. Dazu gehören Gesprächsgruppen in 15 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen, je eine Wohngemeinschaft für Männer und Frauen, ambulante Begleitung, drei Integrationsbetriebe – Café, Einzelhandel und Gartenbau Scheideweg, ein Kinder- und Jugendtreff im Stadtteil, Sportangebote sowie eine Schuldnerberatung.

EK: In dieser Ausgabe geht es um «HandReicher». Wie reichen Sie und Ihr Team den Straffälligen ganz praktisch die Hände?

JS: Tatsächlich begrüssen die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Gefangenen, die unsere seelsorgerlichen «Kontaktgruppen» oder Gottesdienste besuchen, per Handschlag. :-). Die Hand in den Wohngemeinschaften und Zweckbetrieben zu reichen, heisst, Menschen Tag für Tag mit Hoffnung, Gebet und einer gewissen Unerschütterlichkeit zu begleiten, Erfolge zu feiern und in Schwierigkeiten zu ermutigen.

Jeder Tag ist eine Überraschung. Neben den Problemen, die zu bewältigen sind, gilt es, die Stärken des Einzelnen zu sehen und zu fördern. Und zu schätzen, wo er oder sie selbst «HandReicher» für andere ist.

EK: In dem Claim der GSch: «wertvoll. leben. begleiten.» steckt neben den praktischen Aspekten auch eine Art Grundhaltung bzw. ein bestimmtes Menschenbild. Welchen Stellenwert hat diese Haltung ganz praktisch für Ihre Arbeit?

JS: Menschliches Leben ist unendlich wertvoll. Jeder Mensch ist von Gott einzigartig erdacht und geliebt. Als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen möchten wir deshalb Menschen in Schwierigkeiten unterstützen, ihr Leben (wieder) in eine positive Spur zu bringen. Dazu gehört, sich mit Sucht und traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen, künftig ohne Straftaten zu agieren und, wo möglich, wieder Beziehungen zu Angehörigen und Kindern aufzubauen und «der Gesellschaft etwas zurückzugeben» durch das eigene Engagement. Als Christen möchten wir die Liebe Gottes mit Herz und Qualität in unserer Arbeit widerspiegeln und dem Einzelnen eine ganzheitliche, für seine Situation passende Hilfe geben. Das geschieht zusammen mit Akteuren aus der christlichen Gemeinde, Ärzten, Therapeuten, dem Jobcenter usw.

EK: Die GSch wurde im Jahr 1975 gegründet. Was war da der Auslöser und was prägte die Anfangsjahre Ihrer Arbeit?

JS: 1971 wurden evangelische Jugendkreise im Bergischen Land gefragt, ob sie etwas für die ca. 1.000 jungen Männer in der Haftanstalt in Siegburg tun könnten. Damals war ehrenamtliche Arbeit im Gefängnis noch nicht gesetzlich geregelt. Die Jugendgruppe aus Hückeswagen-Scheideweg gestaltete einen Gottesdienst und führte Gespräche. Das wollten Gefangene und Besucher regelmässig fortsetzen. Rückwirkend bewundere ich den Mut der «unbescholtenen Bürger», dieses unbekannte Terrain zu betreten, sich mit Kriminalität und Sucht auseinanderzusetzen und Möglichkeiten zu finden, Menschen nach der Haft zu helfen.

EK: Ihrer Website ist zu entnehmen, dass die GSch ganz verschiedene Arbeitsbereiche hat. Welche sind das und inwiefern unterstützen diese Ihren Kernauftrag?

JS: Neben den Gefängnisgruppen und Wohngemeinschaften haben wir einen Arbeitstrainingsbereich und drei Zweckbetriebe. Im Gartenbau, der Pflegearbeiten, Bautechnik und Neuanlage von Gärten ausführt, können junge Männer eine Ausbildung zum Gärtner machen. Der Geschenkeladen ermöglicht die Ausbildung zum Verkäufer oder Einzelhandelskauffrau. Das angeschlossene Café bietet Gelegenheit, Gäste und Gruppen in geschmackvollem Ambiente zu bewirten und auf Wunsch von unserer diakonischen Arbeit zu berichten. Unsere Männer und Frauen erleben eine Tagesstruktur, soziale Kontakte mit den Kollegen, können Begabungen einsetzen und Neues ausprobieren. Ihre Arbeit erfährt die Wertschätzung realer Kunden. Auch bei nachzuholenden Schulabschlüssen oder Bewerbungen für Ausbildungen in anderen regionalen Betrieben begleiten wir gerne.

EK: Die Begleitung der Straffälligen ist wahrscheinlich einer der zentralen Arbeitsbereiche. Wie läuft sie ganz praktisch ab?

JS: Ca. 160 Ehrenamtliche besuchen wöchentlich oder vierzehntäglich für ein bis zwei Stunden ein Gefängnis in ihrer Region. Nach einem geistlichen Impuls und Liedern folgen persönliche Gespräche oder Gruppengespräch. Sänger, Bands, Chöre oder Jugendgruppen unterstützen uns, indem sie pro Jahr 30 bis 40 Gefängnisgottesdienste musikalisch gestalten.

Möchte jemand nach der Haft oder in einer persönlichen Notlage in eine Wohngemeinschaft aufgenommen werden, kann er oder sie sich bewerben. Wir prüfen bei einem Gespräch im Gefängnis, in der Klinik oder hier in Scheideweg, ob eine Aufnahme beiden Seiten sinnvoll erscheint. Vor der eigentlichen Aufnahme folgt ein 14-tägiges Probewohnen. Wir sind keine niederschwellige Einrichtung, sondern wenden uns an Menschen, die in eine grundlegende Veränderung Zeit investieren möchten.

EK: Was sind die grossen Freuden in der Arbeit mit den Straffälligen? Das zum Beispiel jemand zum Glauben an Jesus Christus findet?

JS: Es ist legitim, wenn Gefangene einfach mal von der Hütte runterwollen und Besucher bei Kaffee und Keksen treffen möchten. Dabei hören sie vielleicht zum ersten Mal von der Liebe Gottes. Mancher bekehrt sich – eine grosse Freude. Damit diese Entscheidung Kraft im Leben entfaltet, braucht der neue Christ viel und lange Unterstützung. Denn die Umstände in der Haft und nach der Entlassung haben sich nicht automatisch verändert.

Persönlich bewegt mich, wenn Menschen aus dem Chaos zur Ruhe kommen, Zufriedenheit ins Herz einzieht und sie neben den eigenen Herausforderungen andere Menschen und ihre Nöte sehen können und sich engagieren.

EK: Wo Freuden sind, gibt es auch Herausforderungen. Welche fallen Ihnen da ein?

JS: Da sind die Herausforderungen, denen sich Hilfesuchende gegenübersehen, wenn sie ihre schlimme, aber bekannte Situation verlassen, um ohne Suchtmittel, schnelles Geld oder bisherige Überlebensstrategien ein Leben mit anderen in einer Wohngemeinschaft und ein Arbeitstraining zu bewältigen. Mit dem Gefühl von Verletzungen im Nacken, von Schuld und Trauer über verlorene Zeit und Möglichkeiten.

Herausfordernd für Mitarbeitende sind die Länge und der Umfang der Prozesse, weil die Hilfesuchenden komplexe Problemlagen mitbringen. Im Gefängnis und auf der Strasse haben viele auf Überlebensmodus geschaltet. Häufig ermöglichen erst die sichere Umgebung und die verlässliche Unterstützung, sich tieferliegenden Ursachen zu stellen. Dann ist das Leben keine Hochglanzbroschüre, sondern eine permanente Baustelle. Eine Herausforderung können auch die unterschiedlichen Lebenserfahrungen sein, die erfordern, dass sich Mitarbeitende Akzeptanz und Respekt erwerben.

EK: Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit der GSCH von der des Schwarzen Kreuzes? Gibt es da Kooperationen?

JS: Wir schätzen die Arbeit des Schwarzen Kreuzes trotz der räumlichen Entfernung sehr. Der Wochenkalender, den das Schwarze Kreuz jedes Jahr herausbringt, ist fester Bestand der Literaturtüten, die wir in der Adventszeit im Gefängnis verteilen. Gern weisen wir neben unseren eigenen Schulungen für Ehrenamtliche (Präsenz und online) auf die Seminare des Schwarzen Kreuzes hin. Ihre Arbeit hat einen stärkeren Fokus auf Briefseelsorge.

EK: Was sind die nächsten grossen Ziele der GSCH und welche Unterstützung bräuchte es da, um diese auch zu erreichen?

JS: Gerade ist die erste Ausgabe der Zeitschrift FREIraum erschienen, die wir in Kooperation mit dem SCM Bundes-Verlag (Witten) für Menschen im Gefängnis, in therapeutischen Einrichtungen und auf der Strasse konzipiert haben. Das Magazin geben wir kostenlos weiter. https://FREIRAUM.news

In unserer Männer-WG stehen Renovierungsarbeiten an; ebenso in den Jugendräumen in unserem Stadtteil. Und für unsere Ehrenamtlichen in den Gefängnissen bauen wir gerade ein hybrides Schulungskonzept auf und aus, um sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten und darin zu begleiten.

Liebe Frau Sieper, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Zeit, Offenheit und alle Mühen. Vielen Dank für die Einblicke in die wertvolle Arbeit der GSch. Wir als SWK wünschen Ihnen weiterhin Gottes Führung und Segen in all Ihren Aktivitäten.

Hilfsangebote der Gefährdetenhilfe Scheideweg e. V.:

Straffälligenhilfe – Kontaktgruppenarbeit im Gefängnis

https://scheideweg.nrw/unsere-hilfsangebote/straffaelligenhilfe-waehrend-der-haft/

Wohngemeinschaft Männer

https://scheideweg.nrw/unsere-hilfsangebote/aufnahme-in-eine-wohngemeinschaft/

Wohngemeinschaft Frauen

https://scheideweg.nrw/unsere-hilfsangebote/wohngemeinschaft-frauen/