Schutz vor sexueller Gewalt
Was eine wissenschaftliche Studie über Prävention in christlichen Kontexten zeigt.
Ein Fach-Blog von André Letzel, Sexologe und Co-Autor des SWK-Ehevorbereitungsmaterials «twogether».
Leider geschieht es immer wieder, dass Frauen selbst in evangelikalen Kirchen sexuelle Gewalt erfahren. Wie können sie wirksam geschützt werden? Was kann man tun, damit christliche Gemeinden sichere Orte sind? Neuste Studienergebnisse zeigen klar, wo angesetzt werden muss:
André Letzel
Sexologe, Dozent und Co-Autor
Originalartikel:
L’éducation à la sexualité
dans les communautés
évangéliques en France:
un levier de prévention
des violences sexuelles?
Sexuelle Gewalt ist eine Realität, die auch vor christlichen Gemeinschaften nicht Halt macht. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie hat untersucht, wie junge Frauen aus evangelikalen Gemeinden geschützt werden können – und welche Rolle Sexualerziehung dabei spielt. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für Prävention, Verantwortung und Schutz in Kirche und Gemeinde.
Wer wurde befragt?
Die Studie basiert auf einer Befragung von 521 jungen Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die sich selbst als evangelikale Christinnen bezeichnen. Damit handelt es sich um eine große und statistisch belastbare Stichprobe für diesen spezifischen Kontext.
Zugang zu Sexualerziehung – ein zentrales Defizit
Ein erster wichtiger Befund betrifft den Zugang zu Sexualerziehung:
- 21,7 % der befragten Frauen gaben an, keine Sexualerziehung erhalten zu haben.
- 43,6 % hatten nur schulische Sexualerziehung.
- 28,6 % hatten eine kombinierte Sexualerziehung (Schule und Gemeinde).
- 6,1 % erhielten ausschließlich gemeindliche Sexualerziehung.
Das bedeutet: Mehr als jede fünfte junge Frau wuchs ohne jede strukturierte Sexualerziehung auf – ein erheblicher Risikofaktor im Hinblick auf Schutz und Prävention.
Wie häufig ist schwere sexuelle Gewalt?
Von den Frauen, die diese sensiblen Fragen beantworteten (n = 482), berichteten:
- 38,9 %, mindestens einmal eine Vergewaltigung oder einen Vergewaltigungsversuch erlebt zu haben.
- 20,1 % berichteten von einer Vergewaltigung.
- 35,3 % von einem Vergewaltigungsversuch
(Mehrfachnennungen waren möglich.)
Diese Zahlen sind hoch. Sie erklären sich unter anderem dadurch, dass die Studie bewusst erfahrungsnah und ohne juristische Begriffe fragte – etwa danach, ob sexuelle Handlungen gegen den eigenen Willen stattgefunden haben. Dadurch werden auch Erfahrungen sichtbar, die Betroffene selbst oft nicht als „Gewalt“ benennen.
Sexualerziehung als Schutzfaktor
Besonders relevant ist der Vergleich zwischen den Gruppen:
- Frauen ohne Sexualerziehung:
- 45,3 % berichteten von schwerer sexueller Gewalt.
- Frauen mit kombinierter Sexualerziehung (Schule + Gemeinde):
- 35,0 % berichteten von solcher Gewalt.
Das entspricht einer relevanten Risikoreduktion.
Für Vergewaltigung im engeren Sinne zeigte sich bei kombinierter Sexualerziehung sogar eine Risikoreduktion von rund 39 % (relatives Risiko 0,61).
Wichtig: Schulische Sexualerziehung allein zeigte keinen klaren Schutzeffekt. Der Schutz entstand vor allem dort, wo schulische und gemeindliche Bildungsräume zusammenwirkten.
Der entscheidende Schlüssel: „Nein sagen dürfen“
Der stärkste Schutzfaktor war nicht Wissen über Biologie oder Moral, sondern die innere Fähigkeit, sexuelle Grenzen zu setzen.
- Frauen, die angaben, sich unsicher zu fühlen, „Nein“ sagen zu können, hatten ein:
- 1,7-fach erhöhtes Risiko, sexuelle Gewalt zu erleben.
- Jede Zunahme um einen Punkt auf der Skala des „Nein-sagen-Könnens“ senkte das Risiko:
- um ca. 23 % bei Vergewaltigung,
- und um ca. 16 % bei Vergewaltigungsversuchen.
Die statistischen Analysen zeigen:
Sexualerziehung schützt vor allem dadurch, dass sie Selbstwirksamkeit, Grenzbewusstsein und Zustimmungskompetenz stärkt.
Bedeutung für christliche Gemeinden
Diese Ergebnisse stellen christliche Gemeinschaften nicht unter Generalverdacht. Sie machen jedoch deutlich:
- Wo Sexualität tabuisiert wird,
- wo Zustimmung nicht klar benannt wird,
- und wo Schweigen als Tugend gilt,
entsteht keine zusätzliche Sicherheit, sondern oft größere Verletzlichkeit.
Gemeindliche Sexualerziehung wirkt dann schützend, wenn sie:
- professionell,
- sprachfähig,
- nicht beschämend,
- und klar gegen jede Form von Gewalt positioniert ist.
Fazit
Die sichersten Zahlen dieser Studie zeigen deutlich: Schutz vor sexueller Gewalt ist lernbar.
Sexualerziehung – besonders dann, wenn Schule und Gemeinde zusammenwirken – senkt das Risiko schwerer Gewalt messbar. Der entscheidende Schutz liegt in der Fähigkeit, die eigene Würde zu kennen, Grenzen zu setzen und „Nein“ sagen zu dürfen. Das ist kein Gegensatz zum christlichen Glauben. Es ist Ausdruck gelebter Verantwortung.
Letzel A, Burté C. L’éducation à la sexualité dans les communautés évangéliques en France : un levier de prévention des violences sexuelles? Sexologies 2025; 34(3): 1-14. doi: 10.1684/sexol.2025.73

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