Therese Streit ist ausgebildete Sozialarbeiterin und Beraterin im psychosozialen Bereich SGfB. Sie arbeitete während rund acht Jahren im Verein Schweizerisches Weisses Kreuz (SWK). Sie ist Vereinsmitglied und ausgebildete twogether Mentorin, gemeinsam mit ihrem Mann. Sie leben seit drei Jahren in Bern und ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Im Jahr 2018 machte sie sich selbständig und eröffnete ihre eigene Beratungspraxis. Wir unterhielten uns mit ihr über ihren Weg in die berufliche Selbständigkeit.

Verein SWK: Therese, du hast heute deine eigene Beratungspraxis. Magst du uns erzählen, wie es dazu kam? 

Therese Streit: In der Zeit der Arbeitssuche bot mir das RAV an, einen Geschäftsführungskurs zu besuchen, um zu prüfen, ob allenfalls der Schritt in die Selbstständigkeit auch eine Option für meinen weiteren beruflichen Weg sein könnte. Im Kurs beschäftigten wir uns gründlich mit allen wichtigen Fragen dazu und ich entschied mich schliesslich, den Schritt ins Neue zu wagen.  

SWK: Welche konkreten Voraussetzungen und praktischen Dinge waren für diesen Schritt ins Neue notwendig? 

Ich benötigte einen Praxisraum und erhielt ein Mietangebot für einen Raum von «Women’s Hope International» (WHI), einer kleinen christlichen Non-Profit-Organisation. Diesen Raum in Bürogemeinschaft konnte ich mit meinen zur Verfügung stehenden Finanzen per sofort kostengünstig mieten. Der Praxisraum liegt in einem multikulturellen Industriequartier in Bern Bethlehem, 5 Minuten mit dem Velo von unserer Wohnung entfernt. 

SWK: Hat diese Bürogemeinschaft Vorteile für deine Tätigkeit? 

Ich staune, wie das passt. Denn u.a. ist der Auftrag des Vereins WHI, Frauen und Mädchen z.B. in Äthiopien und Afghanistan dabei zu unterstützen, dass Zwangsheiraten verhindert und Teenagerschwangerschaften vorgebeugt werden. Zudem ermöglicht die Organisation den Frauen eine sichere Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Diese Führung in die Bürogemeinschaft empfand ich als ein starkes und unterstützendes Zeichen von Gott, dass ich weiterhin Frauen und Paaren in Konfliktschwangerschaften Begleitung anbieten will. 

SWK: Welche weiteren konkreten Schritte waren für die berufliche Selbständigkeit notwendig? 

Damit sich Menschen über meine Beratungstätigkeit informieren können, war eine Webseite wichtig. Beim Gestalten der Webseite www.theresestreit.ch entwickelte sich auch mein Schwerpunktthema für die Beratung: Verlust – Abschied – Neuanfang in schwierigen Lebensübergängen. 

Im Sommer 2018 konnte ich meine Praxis offiziell eröffnen. Herausfordernd war für mich in dieser Phase der Aufbau eines Netzwerkes. So begann ich, mich mit meinen Angeboten in Arztpraxen, Fachstellen und Kirchgemeinden zu präsentieren. Die «Saat» ist inzwischen ausgestreut, doch das Wachsen kann ich nicht selbst vorantreiben. Als ich im August meine erste Kundin empfangen durfte, habe ich erneut gestaunt. Sie ist über die Webseite auf mein Angebot gestossen. Für mich war die erste Begegnung mit dieser jungen Frau ein besonderer Moment und eine Führung Gottes.  

SWK: Gab es Momente des Zweifels oder der Unsicherheit? 

In der Zeit nach dem Geschäftsführungskurs waren Zweifel und Unsicherheit am grössten. Es galt, die Entscheidung für oder gegen eine eigene Geschäftstätigkeit zu treffen. Sollte ich mich tatsächlich ganz in der Abhängigkeit von Gott bewegen? 

SKW: Wer oder was hat dich ermutigt? 

Mein Mann hat mir den Rücken gestärkt und mir zugetraut, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin. Genauso erlebe ich die Unterstützung von Freunden, die an mich glauben und mich betend begleiten. EinerH  Mitglied unserer Kirchgemeinde führte mich in die Geschäftsbuchhaltung ein. Als Fachperson unterstützte sie mich kostenlos als ein Zeichen der Ermutigung. Meine Webseite gestaltete ein vertrauter, lieber Ausbildungskollege und ich konnte gemeinsam mit ihm meine eigenen Ideen entwickeln und einbringen. Durch seine Professionalität hat er es auch geschafft, «zwischen den Zeilen» meine Wesensart und Persönlichkeit durchscheinen zu lassen. Damit durch die Webseite diejenigen Menschen angesprochen werden, die auf der Suche nach einer Begleiterin sind, wie ich eine bin.  

SKW: Erstaunlich, wie viel Ermutigung du erlebt hast. Gibt es weitere Dinge, die für dich zentral waren, um den Schritt ins Neue zu wagen? 

Ein weiterer Anker ist die Stabilität in unserer Ehe. Zudem pflegen wir als Familie einen sorgfältigen Umgang mit anvertrauten Gütern, so dass ich mein Geschäft vorübergehend aus eigenen Ersparnissen finanzieren konnte. Weiter konzentriere ich mich seit Beginn auf den «Schatz im Acker». Das bedeutet für mich, die vorhandenen Sicherheiten loslassen und zuerst nach dem Reich Gottes zu suchen. Von Zeit zu Zeit darf ich auch erleben, wie dann alles andere zufällt. Ich lasse mich überraschen, wohin Gott mich auf meinem Lebensweg führt, denn er weiss, welche Art zu leben und zu arbeiten am besten zu mir passt.  

SWK: Du hast den Schritt ins Unbekannte gewagt. Was ist nun die grösste Herausforderung für dich als Selbständige?  

Ohne meinen engagierten, eigenen Beitrag wird sich keine Beratungspraxis verwirklichen lassen. Es ist ein herausforderndes Spannungsfeld, in dem ich mich bewege. Ich frage immer wieder danach, was ich selbst tun muss und was ich getrost Gott überlassen kann. Gott hatte mich damit überrascht, als mir per sofort ein für mich finanzierbarer Praxisraum angeboten wurde. Ich hatte nicht einmal danach gesucht, denn die Budgetberechnungen im Businessplan hatten gezeigt, dass dies vorläufig unrealistisch und auf dem Liegenschaftsmarkt Bern unmöglich war. 

SWK: Was empfiehlst Du einer Person, die den Schritt in die Selbständigkeit machen möchte?  

Der Geschäftsführungskurs war für mich ein wunderbares Angebot. Sorgfalt in der Planung und in der praktischen Umsetzung dieses Projektes waren mir enorm wichtig. Ebenso zentral ist für mich eine nahe Vertrauensbeziehung zu unserem Retter-Gott, dem Schöpfer unseres Lebens und seinen überraschenden kreativen Wegen. 

SWK: Hat es dir etwas gebracht, diesen Schritt ins Neue zu wagen oder bereust du ihn?  

Die gewonnene Unabhängigkeit und der neue, ganz eigene Gestaltungsraum ist ein grosser Lebensgewinn. 

SWK: Vielen herzlichen Dank für deine Offenheit und dein ehrliches Erzählen. Wir wünschen dir weiterhin gutes Gelingen auf deinem neuen Weg und viel Erfolg mit deiner Beratungspraxis.


Interview: Elisabeth Skottke
Webseite von Therese Streit: www.theresestreit.ch


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